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Ausgeflogenes Nest

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1 Ausgeflogenes Nest am Fr Apr 22, 2016 1:16 pm

Teil 1: Der Weidenmann

Avaliar saß vor dem knisternden Kamin, den Schweiß des Albtraums, aus dem sie erwacht war, noch auf der Stirn. Sie sah in den letzten Tagen blasser aus, als man es von ihr gewohnt war. Die Träume suchten sie inzwischen wieder heim und versagten ihr den Schlaf. Aus Furcht zwar, doch nicht vor den Bildern, die sie immer und immer wieder durchlebte, sondern vor dem Anblick der Klauen und dem rostroten Pelzflaum auf ihrer Haut, wenn sie daraus erwachte. Wie es auch in dieser Nacht wieder geschehen war.
Ein erdrückendes Gefühl innerer Unruhe, des Ungleichgewichts, machte sich in ihr breit. Es war beängstigender als jeder Schatten, den die tanzenden Flammen an die Wände des dunklen Hauses warfen, in dem sie inzwischen allein war, seit Kertor zunächst unter Quarantäne und schließlich in den Rotkamm ausgezogen war. Es war die Angst vor ihr selbst und vor den geschriebenen Worten, die sie nun einmal mehr in ihren Händen hielt.
Der schlichte Brief in den von Sommersprossen besprenkelten Fingern der Gilneerin sah rettungslos zerlesen aus. Hier ein Knitter, da ein Eselsohr, dort ein kleiner Riss im Papier. Unzählige Male waren die ozeanblauen Augen in den vergangenen Monaten bereits über die Zeilen gewandert. Seit sie das Schreiben erhalten und Kul Tiras durch Sturmwind eingetauscht hatte, genau genommen. Oktober, die Zeit der Schlotternächte.
Vieles hatte sich seither verändert, mehr noch als in den vergangenen Jahren der unsteten Reise. Hier in Sturmwind, obgleich nur als vorübergehende Zuflucht angedacht, begegnete sie in der Altstadt bald schon Gerüchten hinter vorgehaltener Hand über bevorstehende Katakombenkämpfe. Die Flüsterpfeils. Gilneer.

In ihrer noch frischen Erinnerung sah sie die dürre, blasse Frau mit dem kohlrabenschwarzen Haar
am anderen Ende des Ringes mit einer Zigarette in der Hand neben dem Mann in schwarz stehen. Er fühlte sich surreal an, dieser Augenblick. Als stünde dort im spinnenverseuchten Gemäuer ein Geist aus längst vergangenen Tagen. Diese Frau – sie war so sehr Ameley, wie sie es nicht war. Ein Mensch, der sowohl zerbrochen, als auch undenkbar stärker war als das Mädchen, das sie einmal kannte. Sie zu sehen, hier, im scheinbar tiefsten Loch der Unterwelt, am Leben, traf Avaliar wie ein Schlag ins Gesicht. Allein Monate später wieder daran zu denken rief den Kloß in ihrem Hals zurück. Die Sehnsucht nach ihrer heilen Welt, ihrer Familie. Heimat. Ameleys Anblick verkörperte all das und tat es noch immer. Die große Schwester, die sie ein Leben lang begleitet hatte und die sie nun, Jahre später, ein weiteres Mal schützend unter ihrem schwarzen Gefieder in Form einer neuen Familie barg.

Avaliars Blick lag wie hypnotisiert auf den im Kamin prasselnden Flammen. Der Geruch von brennendem Holz stieg ihr in die Nase und erfüllte die Luft im kleinen Haus. Es war ihr nicht unangenehm, wenngleich trocken und eigentlich sollte der Rauch ihr missfallen, doch stattdessen rief er erneut diese längst vergessene Sehnsucht wach. Nach einem Fragment ihrer Vergangenheit, nach einer Frau, die selbst Ameley ihr nicht ersetzen konnte, so sehr der Rotschopf sie auch in ihrer Schwester suchte.
Eine Frau, die unvergleichlich in ihrer exotischen Schönheit war. Sie besaß ein blasses, aristokratisches Gesicht – eine schmale, kantenreiche Nase umsäumt von Sommersprossen, scharfen Wangen- und Kieferknochen und einem immerzu verschmitzt wirkenden Lächeln auf den Lippen. Doch ihre Augen stachen besonders heraus. Gefangen in einem Meer aus pechschwarzem, dicken Haar, das frei und wild um ihre schmale Statur floss, leuchteten sie geradezu. Ozeanblau. Und tief. So tief, als wüsste sie alles.

Avaliar konnte sie in den Flammen tanzend umherwirbeln sehen. Wie ihre weiten, luftigen Röcke in der sternenklaren Nacht lebensfroh um den brennenden Weidenmann flatterten.
Es waren die letzten Schlotternächte, die sie gemeinsam mit ihrer Familie und den übrigen Bewohnern der Nordmark erlebt hatte. Eine Zeit, in der der Schleier zwischen dem Totenreich und der Realität dünner war. Vor allem jedoch eine Zeit, in der man seinen Schmerz und alle Lasten vor dem Winter dem Feuer des Weidenmannes übergab. Ein Neuanfang, Veränderung.
Sie, die einzigartige Frau, liebte diese Zeit des Jahres wie keine andere. Sie glaubte an Veränderung, so sehr wie an den Wechsel der Jahreszeiten. Sie – die Erntehexe – ihre Mutter.
Sie war stark, sie war unkonventionell, sie glaubte und kämpfte regelrecht für etwas, das sie Gleichgewicht nannte. Sie war eine Herausforderung, insbesondere für ihren pragmatischen, verschlossenen, traditionsliebenden Mann. Und sie war, wie Avaliar nun wusste, sein Segen und sein Fluch. Ihre Mutter war ein seltener, strahlender Schmetterling im ewigen Winter seines Gemüts. Und nun war sie bloß noch eine Erinnerung auf einem unerreichbaren Podest.

Das Bild des reinigenden Feuers wich vor ihrem geistigen Auge der letzten Szene, die Avaliar von ihrer Mutter geblieben war.
Ihr vor Schmerz und Furcht verzerrtes Gesicht und der seltsam unpassende Ausdruck von Liebe in diesen tiefen, bodenlosen Augen, mit dem sie ihre schreiende Tochter in den Armen hielt, um sie vor den Klauen der tobenden Bestie zu schützen, die über ihr türmte – die gefletschten Reißzähne mit Avaliars Blut durchtränkt. Das sonderbare Brennen in ihrem Bein, das langsam der Schwärze wich, die sich ausbreitete, und den Rotschopf schließlich übermannte, als sie das Bewusstsein aufgab.
Wie so viele Gilneer war ihr Vater daran zerbrochen, was er getan hatte, und Vergebung etwas, zu dem Avaliar aller Fakten zum Trotz nicht fähig war.

Mit diesem Gedanken übergab sie die Zeilen dem knisternden Kaminfeuer und tauschte deren nun leeren Platz in ihren Händen durch den seelenruhig auf ihrem Schoß schlummernden Corgiwelpen.
„Darnassus“ hatte die Erntehexe ihr geraten, die sie mit ihrer wachsenden Problematik zu konsultieren wagte. Teldrassil würde ihr die erhoffte Hilfe bieten. Die Druiden würden sich ihrer annehmen. Sie war kein Einzelfall.
Doch Darnassus war auch der Ort, von dem das Schreiben kam, weshalb sie die Entscheidung bereits seit Wochen vor sich her schob. Stattdessen hatte sie sich in Arbeit und Projekte vertieft, um das Unausweichliche zu ignorieren. Doch nun konnte sie das nicht länger tun, nicht mit den wütenden Geistern, die ihre Familie heimsuchte. Sie konnte nicht zulassen, dass die überspannten Zügel der Bestie ihrem Griff unter dem Einfluss eines Untoten entglitten. Auch auf die Gefahr hin, dass es so aussah, als würde sie ihre Familie im Stich lassen.

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